Ghiaths Geschichte

Syrien – Jordanien – Lybien – Italien – Frankreich – Deutschland

Prolog

Leuchtstoffröhren.

Seit fast zwei Jahren blicke ich immer wieder auf Leuchtstoffröhren. Wenn sie ausgehen, weiß ich, dass der Tag vorbei ist – wenn sie angehen, weiß ich, dass ich die Nacht überlebt habe. Menschen in weißen Kitteln kommen und gehen. Besorgte Mienen und ein paar nette Worte – die Wahrheit aussprechen müssen sie nicht. Ich spüre ihre Wahrheit, weil sie meine eigene Wahrheit ist. Unsere gemeinsame, stumme, Wahrheit bestimmt mein Leben seit fast zwei Jahren.

Zytostatika.

Seit fast zwei Jahren steht immer wieder ein Tropfer an meinem Bett. Langsam rinnt die Lösung in meine Adern – und schnell rinnt das Leben aus meinem Körper. Schneller als ich erwartet habe und viel schneller als bei meiner Frau. Am Anfang meines Weges stand für uns alle die Hoffnung, am Ende stehen jedoch nur Abschiede. Nicht nur von meinem Zuhause, Syrien, sondern nach und nach von meiner Frau, meiner Gesundheit, meinem Leben – jetzt gerade von meinem einzigen Sohn.

Ghiath.

Er hat gekämpft. Für seinen Vater, seine Mutter und für sich. Hat nichts unversucht gelassen, hat Hoffnung gesät und Dreck gefressen – eine Chance hatte er nie. Nicht gegen den Krieg, nicht gegen die Aussichtslosigkeit. Es gibt keine Zukunft für ihn – nicht hier und nicht jetzt. Aber dort, wohin er jetzt gehen wird, wohin ich ihn schicke.

Er ist ein kluger Junge, so groß wie ich einst war, bevor die Sorgen mich schrumpfen ließen und begonnen haben, mich buchstäblich von innen auf zu fressen. Mit breiten Schultern, großen Augen und vor Sorgen schmalen Lippen steht er neben mir und drückt meine Hand an seine Wange. Die Tränen auf seinem Gesicht erinnern mich daran, wie jung er noch ist, wie viele Ängste hinter ihm liegen und wie viele noch kommen werden. Ich selbst habe keine Angst mehr – mein Leben wird enden. Aber Hoffnung habe ich noch – für meinen Sohn.

„Ich bin stolz auf Dich“, sage ich ihm, „du wirst es schaffen. Gib niemals auf, sei dankbar und arbeite hart. Sei gütig, sei treu und lache soviel du kannst. Lass alles hinter dir und gehe deinen Weg. Sei bescheiden und sei sanft, sei all das, was ich auf dieser Welt nicht mehr sein kann. Sei die Liebe, die Hoffnung und der Lichtblick, den diese Welt braucht. Sei mein einziger Sohn, mein Abschied und meine Hoffnung – sei Ghiath.“

Subhi (Ghiath´s Vater) erfuhr im Krankenhaus, dass sein Sohn es nach Deutschland geschafft hat.

Er erlag kurz darauf, am 07.03.2015, seinem Krebsleiden und wurde in Amman, Jordanien, beigesetzt. Ghiath´s Schwestern und deren Familien standen Subhi von Anfang bis Ende zur Seite, wie sie es schon bei seiner Frau getan hatten.

Tränen sind geflossen. Blut wurde vergossen. Menschen wurden getötet, Familien zerrissen und Seelen für immer entstellt. Deshalb ist es an der Zeit, eine Geschichte wie diese nicht mit dem Grauen der Vergangenheit zu beginnen; sondern mit der Zuversicht auf die Zukunft.

Wenn Ghiath zurückblickt, wirken seine Augen stumpf. Er möchte kaum darüber reden, was geschehen ist. Lieber sieht er nach vorne, um sich darauf zu freuen, was kommen mag. „Ich werde alles zurückzahlen“, sagt er, und plötzlich liegt ein Leuchten in seinen Augen: “ Menschen wie ich nehmen die Hilfe in Deutschland sehr gerne an. Aber wir alle sollten uns bemühen, so schnell wie möglich auf eigenen Füßen zu stehen, Steuern zu zahlen und eigenständig unseren Lebensunterhalt zu sichern.“

Für seine 22 Jahre wirkt Ghiath sehr erwachsen. Er trägt ein graues Hemd, die schwarzen Haare sind kurz, die Hände schlank wie sein ganzes Erscheinungsbild; er sitz auffallend aufrecht am Tisch und bestellt sich einen Kaffee. Ghiath macht einen beinahe fröhlichen Eindruck. Dies allerdings nur, wenn er von heute erzählt – von seinen Ideen für die Zukunft; wenn wir versuchen ein wenig tiefer in seine Gefühlswelt einzudringen, wenn wir auf Details der vergangenen Jahre eingehen möchten, dann wird er spürbar von einer inneren Unruhe erfasst und beginnt auf seinem Stuhl zu kippeln. Ghiath wirkt auffallend stabil. Und doch sehr labil.

Wir beginnen die Reise im Februar 2011. Zu dieser Zeit nehmen in der Stadt Daraa die Proteste gegen die Regierung von Staatspräsident Baschar al-Assad ihren Anfang.

Fünfzehn Kinder werden beschuldigt ein Graffiti mit der Parole ,,Das Volk will den Sturz des Regimes“ an ein Schulgebäude gemalt zu haben. Sie werden von staatlichen Sicherheitskräften festgenommen, laut Berichten ihrer Eltern werden sie im Gefängnis geschlagen und gefoltert. Die Kinder sind sieben bis zehn Jahre alt. Die anschließenden Demonstrationen entfachen einen Flächenbrand im ganzen Land. Bis heute sterben im syrischen Bürgerkrieg Hunderttausende. Umkämpfte Städte wie Aleppo liegen in Schutt und Asche. In Berichten der Vereinten Nationen ist die Rede von grausamen Folterungen und sexuellen Misshandlungen in ,,gewaltiger Anzahl“ in eigens vom Assad-Regime eingerichteten Lagern.

Als Ghiath im Jahr 2011 die Entwicklungen in seiner Heimat verfolgt, trifft er die Entscheidung das Land zu verlassen. In wenigen Wochen würde er zum Militär eingezogen werden. ,,Ich wollte nicht in den Krieg“, sagt Ghiat. ,,Ich wollte nicht töten. Nicht schlagen. Es ist schlecht, das zu tun.“ Gemeinsam mit seiner krebskranken Mutter und dem Vater, der als Chefkoch gearbeitet hatte, flieht er ins Nachbarland Jordanien, dort wohnen sie bei einer Schwester von Ghiath, der hier allerdings kein Asyl erhält und deshalb Steuern zahlen muss, obwohl im keine Gelegenheit geboten wird Geld zu verdienen. Regelmäßig klopfen korrupte Polizisten an die Tür, verlangen Arbeitspapiere die Ghiat nicht hat. Immer wieder sitzt er für mehrere Tage im Gefängnis und muss sich freikaufen. Wenn er auf den Ämtern nach den fehlenden Papieren fragt, wird ihm einfach nur mitgeteilt, dass er diese Papiere weder benötigt, noch bekommen wird. Wenige Tage später klopft wieder die Polizei an die Haustür – und fragt nach seinen Papieren.

Nachdem Ghiaths Mutter 2013 ihrem Krebsleiden erliegt, trifft der junge Mann die Entscheidung auch Jordanien den Rücken zu kehren und den Versuch zu starten, Europa zu erreichen und dort nach einer Zukunft zu suchen. Ein Onkel hat es bis nach Deutschland geschafft und ist dort nun in Sicherheit. Am Telefon erhält Ghiat wichtige Tipps und die Auskunft, dass die Reise ihn wenigstens 3.000 Dollar an Transportkosten und Schmiergeldern kosten wird.

 

Es ist dunkel. Der Mond taucht die Nacht in weißes Licht. Männer, Frauen und Kinder treten ins Freie. Schweigend laufen sie eine Gasse entlang, am Strand sammeln sie sich zu einer Gruppe von mehreren hundert Menschen. Sie kommen aus verschiedenen Ländern; aus Syrien und dem Irak, aus Somalia, dem Sudan und aus Indien. Unter ihnen ist Ghiath, der von Jordanien nach Algier geflogen war, von dort aus mit dem Bus über die Grenze nach Libyen kam und nahezu jedem Beamten, dessen Weg er kreuzte, einen Geldschein in die Hand drücken musste. In der libyschen Küstenstadt Suada wartet Ghiat neun Tage lang gemeinsam mit anderen Flüchtlingen versteckt in einem Haus, bis man ihnen endlich mitteilt:

Heute nach geht es los.

Kurz nach vier Uhr morgens besteigen die Flüchtlinge das Boot. Um die fünfhundert Menschen sind es, jeder von ihnen hat zuvor 300 Dollar gezahlt – für die Schleuser bedeutet das einen satten Haufen Geld. Einnahmen von ungefähr 180.000 Dollar – umgerechnet 150.000 Euro – stehen die Ausgaben für einen jämmerlichen Kahn entgegen. Wenige Minuten nach dem Ablegen kommen einige Männer zu Ghiath der noch immer alleine reist. Sie durchwühlen seinen Rucksack nach Wertsachen, schmeißen sein Gepäck über Bord. ,, Zuviel Ballast“, sagen sie. Ghiath bleiben das am Körper getragene Bargeld und sein Pass. ,,Es war eigenartig still“, erinnert sich Ghiath und zieht die dichten Augenbrauen zusammen. ,,Du konntest die Angst der Menschen spüren, jeder wusste, dass er in Lebensgefahr ist, dem Meer und den Launen von skrupellosen Schleusern hilflos ausgeliefert.“ Es ist eine Fahrt in ein ungewisses Leben. Oder direkt in den Tod. Untereinander sind die Menschen hilfsbereit,  sie flüstern sich Mut zu, viele teilen ihr Wasser. Nach 16 Stunden auf dem Meer wird das inzwischen führungslos treibende Flüchtlingsboot vor der Küste Siziliens von einem Schiff des italienischen „Roten Kreuzes“ aufgebracht.

Ghiath hat nur wenige Erinnerungen an die Überfahrt, einige scharfe Bilder, einige schemenhafte Szenen. Seines Wissens sind aber alle Passagiere sicher in Palermo angekommen, wo sie in einem Flüchtlingscamp mit Spaghetti, Wasser und Äpfeln versorgt werden.

Endlich eine Dusche. Und immer wieder die Aufforderung italienischer Polizisten und Helfer das Camp so schnell wie möglich in Richtung Norden zu verlassen. Ghiath hat Landsleute aus Syrien kennengelernt. Gemeinsam reist es sich sicherer. Die fünf Männer machen sich auf den Weg in Richtung Deutschland, der an dieser Stelle stichwortartig erzählt sei: Mit dem Bus nach Rom und nach Mailand, dort in den Zug nach Nizza, weiter nach Luxembourg und über Karlsruhe auf die letzte Etappe bis Zirndorf. 17 Tage hat die Reise gedauert. Das Budget von 3.000$ ist aufgebraucht. Eine Rückkehr vorerst ausgeschlossen. Im besten Fall würde Ghiath zum Militärdienst eingezogen werden, um seine eigenen Landsleute abzuschlachten. Im schlechtesten Fall würden sie ihn als potenziellen Regimegegner und Deserteur festnehmen und in einem Gefängnis vergammeln lassen oder zu Tode foltern.

Aufgewachsen ist Ghiath in Babila, einem Dorf nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus. Bei der Frage ob dies seine Heimat sei, zögert er allerdings. ,,Ich denke, ich habe keine Heimat mehr. Freunde und Bekannte sind in den Libanon, in die Türkei oder nach Ägypten geflohen. Syrien ist nicht mehr mein Land.“

Hat Ghiath keine Hoffnung auf ein Ende des Krieges? ,,Vielleicht in ein paar Jahren“, sagt er. ,,Vielleicht auch erst in zehn Jahren… Russland und der Iran versorgen Assad mit Geld und Waffen. Andere arabische Staaten unterstützen die Opposition oder den IS. Und die USA? Die könnten den Krieg innerhalb von 24 Stunden beenden. Wenn in Syrien mehr Öl oder Gas zu holen wäre, würden sie das wahrscheinlich auch tun.“ Die USA sehen nur zu. Aber am Ende sind es doch noch Amerikaner, die Ghiath wenigstens ein bisschen unter die Arme greifen. Der Burger King in der Nürnberger Innenstadt bietet seinen Kunden kostenfreies WLAN. So kann Ghiath bei seiner Schwester über das Internet in Jordanien anrufen und auch seinem im sterben liegenden Vater mitteilen, dass er Deutschland erreicht  hat und vorerst in Sicherheit ist.

Ghiath hat seinen Kaffee ausgetrunken, die Einladung auf ein weiteres Getränk lehnt er höflich ab. ,,Endlich muss ich keine Angst mehr haben“, sagt er. ,,Ich werde nicht geschlagen. Ich kann Polizisten um Hilfe bitten und ihnen vertrauen. Das Leben in Deutschland ist wunderbar.“ Seine engste Vertraute beim Bayrischen Roten Kreuz (BRK) nennt er respektvoll ,,Frau Veronika“. Und wenn Ghiath vom ,,JobCenter“ erzählt, wird sein Blick beinahe liebevoll. Dort habe man ihm auf so freundliche Weise geholfen, regelmäßig erkundige man sich, wie es ihm im Nürnberg ergehe.

Ghiath verbrachte einen Monat und zehn Tage in Zirndorf. es folgten acht Monate im Flüchtlingsheim in der Sigmundstrße. Nun hat er für 370 Euro eine kleine Wohnung gefunden. Die Stadt übernimmt zusätzlich 80 Euro Nebenkosten und zahlt ihm noch 320 Euro im Monat an Sozialhilfe. Das sind zehn Euro am Tag. Aber für Ghiath bedeutet es viel mehr. ,,Ich werde alles zurückgeben“, sagt er und malt sich mit leuchtenden Augen die nächsten Jahre aus. Eine Ausbildung als Elektrotechniker würde ihn interessieren. Oder ein Informatik Studium. Erst einmal Mus Ghiath allerdings Deutsch lernen. Am Aufseßplatz besucht er sechs Monate lang für 20 Stunden in der Woche eine Schule. Nachmittags arbeitet er als unbezahlter Praktikant bei einem Friseur in Fürth. ,,Die Sprache ist der Schlüssel. Deshalb muss ich so viel wie möglich üben!“

Seit dem Beginn seiner Flucht vor mehr als vier Jahren ist viel geschehen. Ghiath hat seine Heimat aufgegeben. Seine Eltern sind gestorben. Aber nun hat er einen Ort gefunden, an dem er gern bleiben möchte – auch wenn er sagt, dass er sich an manchen Tage sehr einsam fühle und die Geborgenheit seiner Familie vermisse. Ghiath hat die Lust auf das Leben zurückgewonnen. Er ist voller Tatendrang. Und von aufrichtiger Dankbarkeit für die Hilfsbereitschaft seiner deutschen Mitmenschen.

,,Brauchst du noch irgendetwas?“, fragen wir ihn zum Abschied. ,Danke… Nein.“, sagt Ghiath mit einem schüchternen Lächeln. ,,Ich bin froh. Und habe alles.“