Joumards Geschichte

Syrien – Libyen – Ägypten – Libyen – Italien – Deutschland

Prolog

Unter die rhythmischen Rufe mischt sich der Muezin, der das Freitagsgebet beendet. „Allah ist groß“ ruft der Muezin – „Wir brauchen Freiheit und Demokratie“ ruft die Menschenmasse. Die Geräuschkulisse schiebt sich durch die kleinen Gassen von Dumas Richtung dem zentralen Markt. Ihr folgen hunderte, vielleicht tausende von Demonstranten – unter ihnen auch Joumard. Die Stimmung ist geprägt von friedlichem Protest. Warme Abendsonne umfließt die Minarette der Moscheen, reflektiert von Fenstern und fällt zuletzt auf die Menschenmenge in den Straßen. Joumard ist nervös. Er weiß dass es richtig ist mit zu demonstrieren – auch er will Frieden, Freiheit und ohne Angst vor willkürlichen Verhaftungen, Folter und schnellen Todesurteilen leben.

Vor allem für seine Kinder will er das. Abeer, seine Frau, ist wieder schwanger. Der kleine Mohamed würde nun endlich ein Geschwisterchen bekommen. Er denkt an seine Familie, seinen kleinen Laden für Handyreparatur der gut läuft – und an die letzte Demonstration. Dort hatte er gesehen zu was die Regierung seines Landes fähig ist. Er hatte den Krankenwagen der sich damals langsam seinen Weg durch die Menschen bahnte erst nicht wahrgenommen. Alles war friedlich, vielleicht war nur jemandem schlecht geworden. Doch plötzlich peitschten Schüsse über den Platz. Panik. Auch er rannte los, ohne zu wissen wohin – er wusste ja nicht mal woher die Schüsse kamen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag als er sich im Rennen nochmal zu dem Platz umdrehte auf dem gerade noch Menschen friedlich für ihre Rechte demonstriert hatten. Dort sah er wie vermummte Soldaten aus den offenen Türen des Krankenwagens blind in die Menge feuerten. Fassungslosigkeit. Der schrille Ton einer Sirene reisst ihn aus seinen Erinnerungen und macht ihm klar dass es kein Albtraum war, sondern bittere Realität. Für ihn und seine Lieben. Seine Familie. Die Sirene wird lauter.

Es ist Zeit zu gehen denkt er sich und schlüpft in eine enge Gasse.

Wenn Joumard erzählt, dass seinem zweijährigen Sohn Kousai, von allen nur liebevoll Cookie genannt, in Deutschland geholfen wurde, strahlt er von einem Ohr zum anderen.

Sein offenes, manchmal spitzbübisches Lächeln hat er aber erst in Deutschland wiedergefunden. Es war ihm verloren gegangen, irgendwo zwischen den Demonstrationen, dem Krieg und der schwindenden Hoffnung das alles gut gehen würde – weil es bisher immer gut gegangen ist. Ihm, der dachte er könnte seiner Familie ein sicheres, sorgenfreies Leben in ihrer Heimat bieten.

Wenn er von den letzten Jahren in seiner Heimat erzählt, verdunkelt sich sein Blick. Seine Stimme zittert, genauso wie seine Lippen.

Anfangs waren es nur Meldungen im internationalen Fernsehen. Über den arabischen Frühling in den benachbarten Ländern Tunesien, Libyen und Ägypten. Aber in seinem Heimatland Syrien blieb zunächst alles ruhig. Er selbst, als kurdischstämmiger Syrer, war eigentlich noch nie irgendwo zu 100% beheimatet. Die Regierungen aller Länder dieser Region ließen die Kurden schon immer spüren, dass sie nicht wirklich dazu gehören, kein Zuhause haben.

Vom arabischen Frühling jedoch erhoffte sich jeder, egal welcher Abstammung oder Herkunft, eine Verbesserung der Lage in den arabischen Ländern. In Syrien war man sich jedoch sicher dass es niemals so weit kommen würde. Revolution? So wie in Tunesien? Unter Assad undenkbar. Er regierte das Land seit jeher mit eiserner Faust und würde Demonstrationen sofort von Militär und Geheimpolizei unterbinden lassen. Dennoch war der Drang nach Freiheit, Sicherheit und Demokratie größer als die Angst vor Repressalien – und das Volk ging auf die Straße, dem Vorbild der Nachbarländer folgend. Zunächst in Dear, dann in Joumard´s Heimatstadt Duma und später sogar in Damaskus. Die Proteste verliefen größtenteils friedlich, schließlich setzte man sich für ja für Dinge wie Frieden, Freiheit und Demokratie ein – und gegen Gewalt, Willkür und Korruption. Vor allem  aber auch für Sicherheit und gegen gewalttätige Übergriffe durch Polizei und Geheimdienste. Natürlich reagierte die Staatsmacht erstmal genau damit – willkürliche Festnahmen und Folter. Selbst Kinder und Jugendliche waren davor nicht gefeit.

Joumard verstand die Forderungen des Volkes, teilte dessen Träume und die Sorgen. Die Sorge um seine junge Familie war jedoch größer und nachdem er einige Male kurz an den Märschen teilgenommen und mit der brutalen Härte des Staates konfrontiert worden war, blieb er den Demonstrationen fern, die sich nach den Moscheebesuchen formierten. Weder die Demonstranten, noch die Staatsmacht taten es ihm gleich. Auf den Straßen verschärfte sich die Lage Tag um Tag, Stunde um Stunde. Immer mehr Meldungen über Gräueltaten beider Seiten verbreiteten sich wie Lauffeuer im Land. Das internationale Fernsehen, das Internet, Freunde, Bekannte und Familie in zum Teil fernen Städten berichteten von immer mehr unvorstellbaren Vorkommnissen und Menschenrechtsverletzungen. Schulkinder wurden verhaftet weil sie „Wir wollen Freiheit“ an Wände schrieben und als Terroristen abgeurteilt, Frauen, Greise und Kriegsdienstverweigerer verschleppt und gefoltert. In vielen Fällen wurde den Familien dann ihr toter Angehöriger übergeben. Auch hiervon erzählt Joumard mit leiser Stimme und starrem Blick.

Aus dem arabischen Frühling war ein Flächenbrand geworden.

In einem gemieteten Auto verlies die kleine Familie von Joumard letztendlich ihre Heimatstadt Duma, auf der Suche nach einem sicheren Ort. Diesen erhofften sie sich in Städten, aus denen bisher keine Schreckensmeldungen gedrungen waren. Der inzwischen zu einem unüberschaubaren Bürgerkrieg ausgeartete Konflikt mit unzähligen Parteien und Frontverläufen folgte ihnen jedoch auf den Fersen.

Da Joumard in Libyen geboren wurde und man aus dem Nachbarland nach dem Sturz Gaddafis keine Kriegsberichte mehr vernahm, beschlossen sie dort hin zu gehen bis sich die Lage in Syrien wieder beruhigt haben würde. Doch der Schein trog. Nur weil Krisenherde aus der täglichen Berichterstattung gefallen waren, sollte das nicht heißen, dass sie dort nicht weiter schwelten. Auch in Libyen fand sich kein Ort der ihnen ein sicheres Heim hätte bieten können. Zu unübersichtlich war die Lage, zu unkalkulierbar die Zukunft und zu gefährlich somit das Bleiben. In Ägypten sollte sich die Lage nach der Machtübernahme durch General Sisi inzwischen weitestgehend beruhigt und stabilisiert haben. Sein Vorgänger war Flüchtlingen gegenüber immer freundlich gesinnt gewesen. Immer wieder fuhr Joumard mit seiner Familie an die Grenze um ihr Glück nochmals zu versuchen – vielleicht trifft man ja auf einen gnädigen Grenzer. Oder einen Bestechlichen. Als sie an der ägyptischen Grenze abgewiesen wurden, schloss sich die Tür auch vor diesem Ausweg.

In der Zwischenzeit hatte sich herumgesprochen, dass die Möglichkeit bestand von Tripolis aus mit einem Boot über das Mittelmeer nach Europa zu flüchten. Ebenso hörte man aber, dass diese Reise für die Bootsflüchtlinge nicht selten auf dem Grund besagten Meeres endete. Zu klein waren die Schleuserboote um Hochsee-tauglich zu sein, zu schwach die Motoren um die weite Strecke von 2 Tagen Fahrt zu überstehen, noch dazu lächerlich überladen. Ertrinken oder Verdursten waren die wahrscheinlicheren Endpunkte der Reise, lange bevor das europäische Festland in Sicht käme. In der Zwischenzeit war auch noch der kleine Kousai geboren worden, den alle sofort Cookie nannten weil er einfach zu süß war. Als nach einigen Monaten bekannt wurde, dass auch von Bengasi, der schwer umkämpften Stadt, Boote Richtung Europa ablegten, fasste Joumard den wohl schwersten Entschluss seines Lebens. Zwar war die Strecke nach Europa von dort aus noch weiter, jedoch gab es in Bengasi Boote, deren Zustand ein glückliches Ende der Odyssee wahrscheinlicher machte.

In Bengasi angekommen waren die Schleuser schnell gefunden und man fand sich vier Tage später an Bord eines heruntergekommenen Fischkutters wieder. Mit zwei Taschen in denen die letzten Habseligkeiten verstaut waren – und 200 weiteren Flüchtlingen. Pro Person verlangten die Schleuser 1.300 Dollar. Für eine Fahrt mit ungewissem Ausgang ein hoher Preis. Für Kinder musste nichts bezahlt werden.

Obwohl auf offener See alle Gepäckstücke über Bord geworfen wurden, um den 200 Menschen jeden erdenklichen Flecken Platz zu verschaffen, war die Enge kaum zu ertragen. Hinzu kamen das Nichtvorhandensein von Sanitären Anlagen und die immer weiter um sich greifende Seekrankheit. Allen Widrigkeiten zum Trotz kreuzte die Nussschale mit Joumard, Abeer, Mohamed und dem kleinen Kousai an Bord irgendwann den Reiseweg eines indischen Öltankers, der die Flüchtlinge auf Geheiß der Küstenwache aufnahm und im Hafen von Messina absetzte. Während das Rote Kreuz eine Erstversorgung der Flüchtlinge bereitstellte, interessierte sich die auch anwesende Polizei vor allem für die Schleuser und deren Hintermänner in Libyen. Nach kurzen Verhören lies man die Flüchtlinge ziehen und Joumard machte sich mit seiner Familie auf den Weg nach München. Sein Vater und sein Bruder hatten 4 Monate zuvor die Überfahrt von Tripolis nur knapp überlebt und waren inzwischen in Süddeutschland untergekommen. Auf der Zugfahrt Richtung Deutschland wurde die Familie Zeuge wie vereinzelt Flüchtlinge von österreichischen Grenzpolizisten festgehalten und mit dem nächstbesten Zug zurück nach Italien geschickt wurden. Auch hier war das Glück ihnen hold und so betrat die vierköpfige Gruppe erstmals deutschen Boden im Hauptbahnhof von München.

An dieser Stelle atmet Joumard im Interview tief durch. „Da habe ich mich zum ersten Mal wieder sicher gefühlt. Ich brauchte keine Angst mehr um uns zu haben. Alles fiel von mir ab.“

Joumard konnte dort das erste Mal in seinem Leben ohne Angst die ersten Polizisten die seinen Weg kreuzten ansprechen. Mit seinem ersten Satz auf deutschem Boden bat er um Asyl für sich und seine Familie. Auf der Wache in die man ihn schickte erhielt er die schriftliche Aufforderung sich in der zentralen Aufnahmestelle in Zirndorf einzufinden, nebst einer Wegbeschreibung dorthin.

Mit 50 EUR in der Tasche und wenig mehr als den Kleidern die sie seit der Überfahrt am Leib trugen, erreichten sie Zirndorf, das das vorläufige Ende ihres Martyriums darstellte.

Als der kleine Kousai wenige Tage nach Ankunft hohes Fieber und Husten bekam und der betreuende Arzt die Familie rasch an das Uniklinikum Erlangen überwies flammte erneut Angst in Joumard auf. Man diagnostizierte einen Herzfehler bei Cookie. Ein Loch in der linken Herzkammer. Eine Diagnose die in Syrien selbst zu Friedenszeiten unbehandelt geblieben wäre. Die zügig durchgeführte Operation konnte das große Loch im kleinen Herzchen von Cookie schließen und nach einer weiteren OP in den nächsten Jahren wird er hier nicht nur in Sicherheit und Frieden, sondern auch ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen aufwachsen können.

Joumard und seine Lieben haben die Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erteilt bekommen. Sowohl er, als auch seine Frau Abeer besuchen mit Begeisterung die Deutschkurse, bei denen vor allem Joumard ein großes Talent für Sprachen an den Tag legt – neben jeder Menge Ehrgeiz und Freude. Die Fortschritte sind bemerkenswert. Beide sehen dies als ersten und wichtigen Schritt an um auf eigenen Beinen stehen zu können.

Auf die Frage was er sich für die Zukunft wünscht erwidert er, fast schon erstaunt ob der dummen Frage, dass es seiner Familie gut gehen soll und sie ein Leben in Frieden führen können. Was er sich für seine Kinder vorstellt beantwortet er knapp, aber mit leuchtenden Augen:

„Was immer sie werden wollen.“

Jetzt blitzen der ungebrochene Optimismus und die Lebensfreude wieder aus seinen dunklen Augen und er zeigt uns sein spitzbübisches Lächeln.

Hier ist er Mensch. Hier darf er sein.

Text: JM & TB